Der Name Inverness klang für mich immer verheißungsvoll, wie der Schauplatz von vergangenen Schlachten, ein Fenster in eine Welt mit einer anderen Sprache und Fabelwesen. Doch weder Drachen noch Burgfräulein erwarteten mich, als ich aus dem Zug stieg, sondern ein hübsch frisiertes, gebacksteintes Städtchen mit einer alten und fast leeren Marktpassage aus einem anderen Jahrhundert. Motorisiert war ich nicht, also lieh ich mir für einen Tag ein Mountain Bike aus, Ziel war die Glen Ord Distillery und, wenn der Muskelschmalz noch reichte, Loch Ness. Auf der Brücke zwischen Beauly Firth und Moray Firth wartete ich auf Robben, aber die hatten offenbar nicht auf mich gewartet, falsche Tageszeit.
In einer wunderbaren Häusersammlung namens Milton machte ich dafür die Bekanntschaft mit einem gut beleibten Fasanenpärchen, einer charmanten Kirchenwärterin und ein paar außergewöhnlich unheimlichen Grabsteinen.


Noch eine halbe Stunde dauerte es ungefähr, bis meine untrainierten Beine mich nach Mur of Ord brachten, wo es angeblich diese Whiskybrennerei geben sollte. Immerhin hatte ich mein Mitgliederheft in der Tacche. Gott, war der Ort hässlich!
Das Ichnippeimurigenkellereinesvierhundertjahealtenlagerhausesvorderkulisseeinerumwerfendenhighlandland-schaftgefühl verflüchtigte sich zusehends, als ich zwischen langweiligen Dächern und lustlosen Teenagern nach dem richtigen Weg suchte. Fündig wurde ich hinter einer Kurve am Rand des Ortes, wo sich hinter Bäumen eine moderne Brennereianlage befand. Eindruck, täusche mich! Und das tat er. Die Führung durch die Brennerei war sensationell, ich fühlte mich wie ein Schulkind, das endlich mal alles anfassen durfte. Kaum zu glauben, dass die Aromen von Karamell und Toffee sich da einfach so ablagern, wenn die blasenschlagende Suppe nur lange genug umgerührt wird. Auch die Whiskyverkostung zum Schluss war großartig. Habe Whisky immer gehasst. Oder besser gesagt, er war mir eigentlich egal. Aber hier, in diesem doch sehr hübsch zurechtgemachten Kellerchen (von dem aus man den tristen Ort ja zum Glück nicht sehen konnte) hatte ich für zehn Minütchen das Gefühl, meine Zunge in ein sehr edles und wohlschmeckendes Gesöff zu tunken. Bei den Damen auf der Bank vor dem Eingang schien diese Stimmung schon verblasst zu sein. Ich entschied mich, Whisky im bau und zwei Bananen im Gepäck, meine Radeltour fortzusetzen und dem sagenumwobenen Loch Ness einen Besuch abzustatten.

Der Weg führte geradewegs nach Süden, aber mir hatte keiner gesagt, dass sich das verfluchte Loch hinter einem Wall von alpinen Ausmaßen verbirgt. Kurz vor der Kuppe sank ich mitsamt dem Mountainbike in einer Parknische nieder und nuckelte mit letzter Kraft an meiner letzten Banane. Die nun folgende Talwärtspartie war kein vergnügen, weil meinen Fingern die Kraft zum bremsen fehlte, und es war steil. Sehr steil. Als ich endlich Drumnadrochit erreichte, sah ich keinen See. Wo war das verfluchte Loch? Und warum war ich so weit mit dem Fahrrad gefahren? Eigentlich hatte ich gar keine Lust mehr, Loch Ness zu sehen, denn dafür musste ich noch weiter ins Tal, aber die Stunde war fortgeschritten und ich wollte sehen, dass ein bus mich mit zurück nach Inverness nahm. Auf den wartete ich dann eine Stunde und pfiff mir unterdessen ein ausgetrocknetes Haggis aus der örtlichen Feldküche rein. Der Bus nahm natürlich keine Fahrräder mit. Ein Blick auf die Landkarte sagte mir: Bleib einfach liegen. Aber ich musste zurück und der kürzeste Weg führte über die Landstraße am Ufer des Loch ness entlang. So würde ich Nessies Pool doch noch sehen. Leider war das Wasser durch einen hohen Zaun von der Straße getrennt, hier und da erblickte ich, nun ja, Wasser und dahinter ein paar Bäume und Hügel. Links neben mir ragte eine Felswand auf, sodass meine Hauptbeschäftigung darin bestand, mein Fahrrad zwischen Wand und Speedpiste zu balancieren. Ein besonders netter Automobilist hupte mir zu, ob aus Mitleid oder Verachtung, weiß ich nicht. Nach gefühlten zwei Stunden bog eine kleine Nebenstraße zu einem hübschen Hafen ab, der ich bis nach inverness zu folgen gedachte. Hier wurde Loch Ness viel schmaler und lieblicher, doch ganz nett. Die von mir erhoffte Straße entpuppte sich nach wenigen hundert Metern zu einem groben Schotterweg, dessen Steinchen so beschaffen waren, dass ich mich bei vollem Pedalschub in flotter Schrittgeschwindigkeit fortbewegen konnte. Aber auch diese Tour nahm irgendwann nach gefühlten zwanzig Stunden und tatsächlichen 70 Kilometern ein Ende in Inverness. Als ich mein Fahrrad wieder abgab und von meiner Tour erzählte, schaute mich die Ladenhüterin verständnislos an. Warum ich denn in Drumnadrochit gewesen sei, das andere Ende des Lochs wäre doch viel schöner…